Streunerpfade, Impressionen und Begegnungen irgendwo zwischen Nord- und Suedamerika
Donnerstag, 29. April 2010
"What the hell are u doing here?" Tja, wenn ich das wuesste...
"Wanna drink something?" Ehe ich mich versah hatte ich eine eisgekuehlte Coke in der Hand und war dabei sie runterzustuerzen. Ich hasse Cola, aber in diesem Moment kam es mir vor, als gaebe es nichts erfrischerendes und schmackhafteres auf der Welt als dieses Zuckergesoeff. Vor meinem inneren Auge lief der perfekte Werbespot ab: ich, verschwitzt und reichlich fertig an dieser Strassenecke irgendwo in Phoenix - ein Platz, den man eigentlich eher nach Mexiko als nach Amerika stecken wuerde, wo man mit Spanisch weiter kommt als mit Englisch... Und diese rettende Cola, die erloesend meine verstaubte Kehle runterran. Und auf einmal wurde laute Musik aufgedreht und die zerfallenen Haueser um mich rum erstrahlten in gleissendem Licht, die ueberall herumstehenden und mehr als skeptisch dreinblickenden Kleingruppen von Menschen loesten sich aus dem Dunkel der Strasse und fingen an ausgelassen und froehlich zu tanzen.. "So- again: What the hell are u doing here? Do you know where u actually are? This isn't a good place to be - especially not for a girl like u and especially not around this time!" riss mich Emanuel aus meinen Gedankenspinnereien. Ich schaute ihn an und seufzte. Das hoerte ich bereits zum dritten Mal & ich wusste, dass er Recht hatte; dass sie alle Recht hatten! Aber ich musste diese verdammte Adresse finden.. 2009 S 11th street - das musste doch genau hier sein! Nach ueber 2 Stunden herumirren hatte ich einfach bei jemanden an der Tuer geklopft, in der Hoffnung, hier kennen sich die Nachbarn untereinander. Nun stand Emanuel nebst seiner kompletten Familie mit mir auf der Strasse und versuchte herauszufinden, wo das entsprechende Haus zu finden sei. So langsam hatte ich den Glauben daran verloren, dass diese Adresse wirklich existierte, denn ich war die south 11th street schon 2mal hoch und runter gelaufen und hatte sogar das am Ende der Strasse liegende Industriegebiet zusammen mit 3 aetzend klaeffenden Koetern durchstreunert, die mich den ganzen Weg ueber verfolgten (eher weniger um mich netterweise im Dunkeln zu begleiten, sondern um ihr Revier zu sichern. Innerlich bereite ich mich schon auf eine neue Narbe in meiner Wade vor und machte 3 Kreuze, dass ich mich dann doch noch entschlossen hatte, die Auslandskrankenversicherung abzuschliessen. Am Ende liessen sie sich dann doch immer wieder durch boeses Fauchen dazu bewegen, ausreichend Sicherheitsabstand zu wahren..).

Waehrend ich weiter gedankenversunken an meiner Cola nippte, war mein neuer Freund und Helfer bereits rege dabei, dass Suchproblem anzugehen. Ein Hoch auf die heutige Technik! Mittels des integrierten GPS-Systems seines Mobiltelefons wollte er die genauen Koordinaten der Adresse ermitteln und stiess auf den entscheidenden Fehler: "Hey- this isn't the right adress! It must be 2009 N 11th street and not S for south!" Das erklaerte einiges. Die Adresse die ich suchte, war damit fast am komplett anderen Ende der Stadt. Emanuel bot an, mich dort mit dem Auto hinzubringen. Ich mochte ihn von der ersten Sekunde an & zoegerte daher keinen Moment, sein Angebot anzunehmen. Wir stiegen also in seinen Pick Up (Vorurteil definitiv bestaetigt - ich habe hier noch kein einziges Auto gesehen, welches auch nur annaeherend den Anschein machen wuerde umweltfreundlich zu sein, dafuer aber Dutzende, die anscheinend dafuer gebaut wurden, auch im Falle eines spontanen Kriegsausbruches fuer alle Eventualitaeten ausgestattet zu sein), seine juengeren Brueder kletterten auf den Ruecksitz und los ging es...

Auf der Fahrt quetschten die 3 mich natuerlich bis aufs kleinste Detail aus... Was mich denn ausgerechnet nach Phoenix verschlage? Fuer diese Stadt habe ich den weiten Weg nach Deutschland auf mich genommen? Zweifelnde Gesichter. Also versuchte ich in Kurzform zu umreissen wie es hierzu gekommen war. Das ich mir gerade ein paar Monate Zeit genommen habe, um endlich wieder zu reisen, dass ich Mexiko und Guatemala sehen wollte und mit einer Freundin wahrscheinlich Brasilien bereisen will. Da ich aber auch einen guten Freund habe, welcher hier in Phoenix und damit ziemlich nah an der mexikanischen Grenze lebe, wollte ich diese Gelegenheit nutzen und meinen Trip hier starten, um ihn zu besuchen. Warum er mich dann nicht vom Flughafen abgeholt haette, fragte Emanuel, er an seiner Stelle wuerde das tun. Ich musste leicht schmunzeln und biss mir auf die Lippe. "Well, it's a little bit complicated" antwortete ich ausweichend. "Actually he does not know that I am here to visit him."

"HE DOES NOT KNOW IT???" Emanuel fuhr dem Fahrer vor uns fast hinten drauf. "Jesus! You just arrived here without telling him this? But what happens if he is not there? What are u going to do then? What are WE going to do then?" Emanuel blickte mich halb besorgt, halb belustigt an. Ich musste lachen. "Darueber mache ich mir Gedanken, wenn es soweit ist", meinte ich zu ihm. Und dass er sich deswegen keinen Kopf zu machen braucht, schliesslich sei es nicht sein Problem. Aber als ich mich dabei zu ihm umdrehte, wusste ich, dass er sich laengst so verantwortlich fuer mich fuehlte, dass er mich nicht irgendwo entlassen wuerde, ohne das Gefuehl zu haben, dass ich sicher aufgehoben bin. Ich fragte mich, ob ich bereits in meiner ersten Nacht wieder mit Mutter und Kindern in einem Bett unterkommen wuerde- diesmal bloss bei einer mexikanischen und nicht einer indischen Familie.

Wir fuhren & fuhren & quatschten & quatschten bis uns an der Ampelkreuzung ein Polizeiauto gegenueber stand. Ich bemerkte, wie Emanuel anfing, unruhig auf seinem Autositz hin & her zu rutschen. Ob alles in Ordnung sei, fragte ich. Er antwortete mit einer unbestimmten Kopfbewegung, welche meine Aufmerksamkeit von seinem Gesicht zurueck zum Polizeiauto wandern liess. "The police", zischte er zwischen sienen Zaehnen hervor. Ob es fuer ihn da ein Problem gaebe, hakte ich nach. "Ja, mehrere" meinte er. Zum einen funktioniere sein Blinklicht nicht, was Aufmerksamkeit auf sich ziehen koennte. Und zusammen mit seinem eindeutig lateinamerikanischem Aeusseren ein ziemliches Risiko fuer ihn sei. "You need to know that I am here illegally and that therewith I always need to take care, that I am not catched by the police". Die Stimmung gegenueber der grossen Anzahl illegaler Einwanderer habe sich mit dem vor 2 Tagen verabschiedeten Gesetz *SB 1070* nochmals verschlechtert. Dieses Gesetz erlaubt PolizistInnen, allein aufgrund eines bestimmten Auesseren einer Person (also vor allem augenscheinliche 'Hispanics') auf Verdacht an- und festhalten zu koennen. Hat diese Person keine Papiere dabei, hat die Polizei das Recht, sie sofort festzunehmen und ins Gefaengnis zu stecken. Vor diesem Gesetz war es erst moeglich die Aufenthalts- oder Einreisegenehmigung einer Person zu ueberpruefen, wenn der Verdacht auf eine weitere Straftat bestand. Gerade werde das Gesetz nochmal geprueft, denn wie Chris Newmann, Verantwortlicher des National Day Laborer Organizing Networks, betont, begruendet dieses Gesetz "a complete disregard for the nonwhites in Arizona. It criminalizes undocumented status and turns dishwashers, janitors, landscapers and our neighbours into criminals plus it effectively mandates racial profiling".

Das Polizeiauto faehrt an uns vorbei und wir alle atmen erleichtert auf. Wieviele illegals es ungefaehr gebe in Phoenix, frage ich. So genau wisse man das natuerlich nicht, aber es wird geschaetzt, dass es ca. eine halbe Million Menschen sind, sagt er und deutet froehlich auf eine Schule am Strassenrand, welche er die letzten paar Jahre besucht hat. Dann faengt er wieder an, unruhig auf seinem Sitz hin und her zu rutschen. Als er bemerkt, dass ich ihn wieder fragend anschaue, erklaert er: "We are almost there. I am so excited. How long haven't u seen each other u said? Over a year? Oh my god, hopefully he is there. And how will he react? Oh my god, this is so exciting!" Emanuel macht mir damit wieder bewusst, warum ich eigentlich in diesem Auto sitze. Wir biegen in die N 11th street ein und so langsam frage ich mich auch, ob das hier eigentlich so funktionieren wird, wie ich mir das vorstelle. Wir parken sein Auto am Strassenrand und laufen die Haeuser ab. 2009 N 11th street. Das ist es. Das kleine Haus liegt im Dunkeln, die Jalousien sind zugezogen. Ich sehe keine Klingel und klopfe an der Tuer. Warte. Klopfe nochmal. Ein Rascheln, ein Licht, Schluesselgeklimper und ein vertrautes Augenpaar, welches mich auf einmal durch einen einen Spalt in den Jalousien anschaut und dann Brandens Stimme: "What the fuck? You must be kidding me!"...

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Letzte Aktualisierung: 2010.09.03, 21:47
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Wow danke Johnny- schau...
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