Streunerpfade, Impressionen und Begegnungen irgendwo zwischen Nord- und Suedamerika
Samstag, 3. Juli 2010
Die Dschungelkrankheit
"Welcome to paradies!" Rocho, eine menschliche Kugel mit feuerrotem Haar grinste mich breit an. Er fuehrte mich zum hinteren Teil des wahrhaft paradiesisch anmutenden Gelaendes, auf dem ich fuer eine Nacht unterkommen wollte. Strohdaecher bestimmten das Bild. Strohdaecher auf Pfaehlen unter denen die verschiedenstfarbigen Haengematten hin und her wippten. Ich war gerade angekommen und teilte nicht wirklich Rochos Langsam- und Genuegsamkeit. Ich hatte ein Ziel, welches es so schnell wie moeglich zu erreichen galt.. Ich verlangsamte meinen Schritt und gab Rocho trotzdem mein geduldigstes Laecheln- einen Menschen wie ihn konnte ich mir ehrlich gesagt gar nicht *in schnell* vorstellen. Seine Augen waren erfuellt von einem wissenden Glitzern, welches sich mir erst spaeter erklaeren sollte. Er breitete die Arme aus, atmete tief ein und sagte simpel aber mit einem geheimnisvollen Unterton: "Here we are."

Ich war auf einem Zwischenstop in der Naehe von Palenque. Dies sollte die letzte Station sein, bevor ich die Grenze zu Guatemala ueberqueren wollte. Ich hatte bereits ein Busticket fuer den naechsten Tag & wollte hier nur einen Abstecher machen, um die Mayatempel zu besichtigen, die mir von vielen empfohlen wurden waren. Ich befestigte meine Haengematte zwischen den Pfaehlen, legte Backpack und meine unglaublich schrecklich klingende Gitarre ab. Dann pruefte ich noch schnell was ausser Zahnpasta & Unterwaesche noch so alles aus der Aussentasche meines Rucksacks vom Dach des Chickenbusses gesegelt ist. Nichts dramatisches, ich konnte also zu den Ruinen sprinten. Es war bereits spaeter Nachmittag und ich hoffte meinen Weg dorthin schnell zuruecklegen zu koennen und... Meine Hoffnung starb 10 Minuten spaeter mit Arnado. Er war einer der Guards des Nationalparks & ueberhaupt nicht gewillt mich einzulassen. Vor ein paar Jahren wurde festgelegt, dass keiner mehr die Ruinen nach 4 besichtigen duerfe und die Zeiten als hier noch Nachts die Haengematten zwischen den Mayatempeln aufgespannt wurden schienen endgueltig vorbei. Die Zeiten das einer verzweifelten Chica Einlass gegeben wird, ebenso. Flehen, diskutieren, betteln - half alles nichts...Auf sein Angebot mir nach Einbruch der Dunkelheit eine persoenliche Tour zu geben konnte ich dankend verzichten... Hmmppfff... Es fuehrte nur diese eine Strasse da hoch & selbst die galt es noch 2 km zu folgen. Ansonsten war das Gebiet von Dschungel umgeben - eben der Dschungel, der auch an unsere Hammock-Dockingstation grenzte...

"Hey- does anybody know how to cross the jungle to get to the ruins?" Vom Paradies beseelte, leicht traege Augenpaare schauten mich an, im Takt der Haengematte hin und her wippend. "Yeah, but it+s nearly impossible- it+s more than 1 hour of walk on a path which is hardly marked- you really need to know the way! And there are fucking animals in there, as well as the military is. When they get u- u are fucked!" antwortete - unverkennbar - ein Franzose. So schnell wollte ich mich nicht von meiner Tagesmission abbringen lassen... "Hmmm.. but there shall be a ruin which is a little bit closer than the others - did anybody of u went there?" hakte ich nach. Kopfgeschuettel von allen Seiten, mit Ausnahme des mir gegenueber ¨haengenden¨ Wuschelkopfs. "You want to go there?" "Yeah!" "When?" "Now!" "Oh- okay.."


10 Minuten spaeter krabbelten wie durch ein Loch im Zaundickicht & binnen eines Wimpernschlags aenderten sich Luftfeuchtigkeit und Geruch unserer Umgebung. Hinter uns schloss sich der dichte Vorhang aus Lianen und Gestruepp & wir betraten eine andere Welt. Ich war noch nie im Dschungel & ich sollte gut damit bedient sein keinerlei Vorstellungen zu haben, was es hiess diesen zu betreten. So tapste ich naiv und nichtsahnend durch das Pflanzenwirrwar, kletterte ueber umgestuerzte Baumstaemme um kleine Schluchten zu ueberqueren & huepfte frohen Mutes durch mehr oder weniger grosse Tuempel. "What is this sound?" Direkt neben uns schien eine Zeitbombe gezuendet worden sein - ich hoerte ein rhytmisches *Tick ... Tick ... Tick* unweit von uns & dies schien fuer mich ein gar nicht dschungeltypisches Geraeusch. Hatte das Militaer kleine Fallstricke mit Rauchbomben platziert um verrueckte Touris wie uns davon abzuhalten die Ruinen durch den Dschungel zu erreichen? Die Warnungen der Anderen hallten noch in meinen Ohren. Der mexikanische Wuschelkopf der ansonsten eher Luis genannt wurde, unterbrach meine wirren Gedanken. "Oh- this *Tick, tick*-Sound? Well, yeah, this is one of the most poisoned snakes in here. Try to stay away from this sound!" Try to stay away? Fuer mich klang es, als wuerden wir mitten auf dieser tickenden Zeitbombe stehen. Die Geschwindigkeit des Tickens hatte sich jetzt sogar verschnellert. Es klang als haetten wir noch genau 10 Sekunden bis wir in die Luft fliegen wuerden bzw. bis ein ekliges langes Etwas sich selbst durch die Luft katapultieren wuerde um uns Gift in die Adern zu schiessen. "Don´t worry, they just defend themselves, they never attack." Hmmm... Irgendwie konnte mich das nur geringfuegig beruhigen, da ich nicht ganz sicher war, wie eine Schlange herausfinden sollte, dass ich *NUR AUSVERSEHEN* auf sie draufgetreten war und damit absolut keine Notwendigkeit fuer sie besteht, sich zu verteidigen. Ich war noch damit beschaeftigt mir eine Strategie zu ueberlegen, wie ich in Sekundenschnelle auf einen solchen *uuppss, war ein Versehen-Verteidigungs-Move* reagieren koenne, als ein markerschuetterndes Bruellen den Dschungel und meine Gedanken durchkreuzte. Ich blieb wie erstarrt stehen. Das klang alles andere als freundlich & vor allem klang es nach einem grossem Gebiss. Es war so beeindruckend und beaengstigend, dass ich sofort jeglichen Gedanken an die bisher groesste Gefahr vergass und mich unsicher umschaute. Was verdammt war das und was hatte ich mir eigentlich dabei gedacht hier rumzustelzen? Ich hatte keine Ahnung wo ich war & so einfach mit umdrehen und rennen war es in diesem Irrgarten nun wirklich nicht. Ich hatte keinerlei Orientierung. Alles war nur verwirrend voll mit exotischen Pflanzen & angsteinfloessenden Geraeuschen. Alleine hatte ich keine Chance hier wieder raus zu finden und dies beruecksichtigte nicht einmal die Tatsache, dass es langsam dunkel wurde und man in einer Stunde wohl nicht mal mehr einen Kaktus von einer Schlingpflanze unterscheiden wuerde koennen (nicht dass ich einen Kaktus im Dschungel gesehen haette, aber es gibt nette Baeumchen deren Aeste gespickt sind mit kleinen Widerhaken, sodass man einen ganzen Tag damit verbringen kann diese Biester aus den Haenden zu ziehen weil man sich dem Irrglauben hingab das koennte ja ein gutes Stueck Holz sein um sich festzuhalten, ein schwieriges Stueck Weg hochzuziehen, etc.). "We should hurry up!" sagte Luis und beschleunigte seinen Schritt. So weit war ich - instinktiv - auch schon! Aber was dieses Bruellen nun genau bedeutete und aus welchem Maul es kam war mir immer noch nicht klar. Ich registrierte jedoch, dass es immer lauter und wuetender zu werden schien. Und dann hoerte ich das Unheil nicht nur heran nahen, sondern sah es auch: Zu unserer Linken hatte sich eine Affenbande formiert uns ein paar Takte zu erzaehlen. Ich war ziemlich zwiegespalten. Zum einen war ich froh, dass es "nur" Affen waren, zum anderen wirkten diese Affen genauso bedrohlich wie ein paar ausgewachsene Baeren. Sie erreichten zeitgleich mit uns den Wasserfall und beobachteten jede unserer Bewegungen. Fuer den Moment schienen sie beseelt - ich wusste nicht ob es damit zu tun hatte, dass wir uns schlicht nicht weiter in ihr Revier rein bewegten oder damit, dass Luis auf die Knie gegangen war und kryptische Phrasen ausstiess, die - so entnahm ich seinen Erklaerungen - darauf abzielten den Dschungel um Bleiberecht & ´good spirits´ zu bitten. Das hatten wir bitter noetig. Das Affengeschrei schwoll wieder an & diese ausgewachsenen Viecher, die mir stehend bestimmt bis zur Brust gingen kamen immer naeher. Ein Affenmaennchen war jetzt nur noch gut 15 Meter entfernt & bruellte was das Zeug hielt in unsere Richtung wobei er unfreundlich die Zaehne bleckte. "Take a stick" sagte Luis und hielt mir einen fetten Knueppel vors Gesicht. Aus irgendeinem Grund dachte ich in diesem Zusammenhang an ein Begruessungsritual und machte mich bereit mit leicht gebueckter Haltung mit dem Stock auf den Boden zu stampfen & den Affen mein breitestes und freundlichstes Grinsen (ohne Zaehne) zu schenken! (Wie ich diese Idee in meinen Kopf kriegte- ich hab bis heute keine Ahnung..) Sicherheitshalber fragte ich nochmal nach: "So, what am I supposed to do with this stick Luis?" "Fight!" "Fight?!?!?" meine Stimme klang glaube ich etwas schrill in diesem Moment. "But I don´t want to fight! I am sorry for being in their territory & if they don`t want us here & we are not welcomed maybe then we shoulkd just leave..?!" Ich hatte ein paar Dinge auf meiner To-Do-Liste, aber mit einem ausgewachsenen Affenmaennchen zu kaempfen gehoerte definitv nicht dazu. Meine Augen wanderten nervoes von Knueppel zu Affenmaennchen zu Luis zurueck zum Knueppel in meinen Haenden. "Good, then we should leave now" ressuemierte Luis und dem konnte ich nur beipflichten, hatte unser liebreizendes Affenmaennchen nun sogar damit begonnen Aeste aus den Baeumen zu reissen und in unsere Richtung zu schleudern...

Eine knappe Stunde spaeter hielt ich einen Telefonhoerer in meinen Haenden. "Hey Sir- the busticket I bought for tomorrow.. Is it maybe possible to postpone it?"

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Letzte Aktualisierung: 2010.09.03, 21:47
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Wow danke Johnny- schau...
Wow danke Johnny- schau da gleich die Tage mal rein....
by tinetunes (2010.08.17, 04:57)

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