Streunerpfade, Impressionen und Begegnungen irgendwo zwischen Nord- und Suedamerika
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Mittwoch, 19. Mai 2010
Get to know Mexico City oder: von der illegalen Einwanderin zur legitimierten Touristin in beinahe 48 Stunden 1
Den zweiten Abend den ich in Mexico City verbrachte, erzaehlte ich meiner Schweizer Zimmernachbarin von meinem Passproblem. Ihre Reaktion: "Oh verdammt? Dir ist das auch passiert? Weisst du was? Oben sitzt ein Kanadier, der hat genau das gleiche Problem!"

"DER KANADIER IST IMMER NOCH HIER???" (sich auf Leute mittels der/die Form + Nationalitaet zu beziehen ist aeusserst daemlich und unhoeflich, aber da mir bisher keiner seinen Namen nennen konnte war er fuer mich bis zu diesem Zeitpunkt immer *DER KANADIER, der die mexikanische Grenze zu Fuss ueberquerte und nun zum zweiten Mal...*) "Ja- eigentlich sollte er heute Morgen zurueck nach Kanada fliegen (...tatsaechlich!...), aber..." Ich sprintete die Treppen hoch. "Who is the Canadian who missed his flight back home two times due to his passport issues?" steckte ich meinen Kopf raus auf die Dachterasse der groessten Jugendherberge, die ich je in meinem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Draussen: ein Mix verschiedenster Nationalitaeten und eine Spannbreite von 'serious traveller' hin zu 'Partyvolk' (Leider in der Mehrzahl. Es war das dritte oder vierte Mal in meinem Leben, dass ich in einer Jugendherberge Unterschlupf fand und ich entschied, es bei diesen raren Erfahrungen zu belassen. Mein Zeug war bereits fuers Auschecken am naechsten Morgen gepackt). Ein junger, spitzbuebischer Typ grinste mich breit an und erzaehlte seine Story mit sehr viel Galgenhumor. Waehrend alle anderen sich den Bauch hielten machte ich mir ab und an Notizen, wo auch ich Station machen wuerde die naechsten Tage. Nein- nicht nur ich: auch Elanois and Elanois aus Kanada, 2 Maedels die per Bus aus Guatemala eingereist waren. Nach und nach packte jeder seine Storys aus und ich muss sagen, es war eine ziemliche Chaostruppe, die nicht unbedingt mit Glueck ueberschuettet wurde die letzten Monate. Ein Paerchen, welches es schaffte insgesamt 7x ausgeraubt zu werden auf ihrem 3-monatigen Trip durch Zentralamerika (wobei das eher an Dummheit grenzte denn an Mangel an Glueck, wie ich durch Nachfragen herausfand), Mimi, der nun seinen 3. Flug finanzieren musste und mein absoluter Liebling: Sam, ein australischer Surfer, der schon x-mal durch Zentral- und Suedamerika gereist war und viele Ecken kannte wie seine Westentasche. Er war 6 Monate in Zentralamerika unterwegs und wollte in ein paar Tagen seinen Trip beenden und von Costa Rica zurueck nach Australien fliegen. Er hatte sich fuer seine letzten Tage einen super Surf Spot ausgesucht, einen einsamen Strand mit so gut wie keinen Touristen. Als er eines morgens um 6 wach wurde gab es einen Megaauflauf der Polizeispezialeinheit Costa Ricas- man fand den Waechter gefesselt und geknebelt und den Tresor geknackt und ausgeraubt - mitsamt Sams Passport, Kreditkarte, Flugticket. Das waer ja schon Story genug, aber als Sam nach der Adresse der australischen Botschaft in Costa Rica schaute FAND ER KEINE. Es gibt keine australische Botschaft in Costa Rica! Die einzige australische Botschaft in ganz Zentralamerika war in Mexico City! Er musste bei der kanadischen Botschaft betteln, dass sie ihm Uebergangspapiere und -visum fuer die Ausreise aus Costa Rica geben, um nach Mexico City zu fliegen. Dort hielten sie ihn 4 Stunden am Flughafen fest, weil er letztendlich nicht mehr ausgehaendigt gekriegt hatte, als ein einzelnes Blatt Papier mit ein paar netten Zeilen und dem Stempel der Botschaft. Nun sass er in dieser verdammten Jugendherberge fest und durfte diese nicht verlassen, bis die australische Botschaft in Mexico City all seine Papiere fertig hatte. Da alle Australier ausserdem ueber die USA ausreisen muessen (komische Regelung) brauchte er noch ein Visum fuer die USA, konnte dann endlich einen Flug runter nach Costa Rica nehmen und dann von dort aus endgueltig zuruekc fliegen. Tssss.. so tragisch das alles fuer ihn war- ich pinkelte mir fast ein vor Lachen...

Die zwei liebreizenden Elanois (ich liebe Englisch mit franzoesischem Akzent!) und ich entschieden diesen Abend uns am naechsten Tag gemeinsam auf den Weg zu machen, um das Objekt unserer Begierde zu bekommen. Auf, auf! Die Schnipseljagd konnte beginnen...

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Bienvienidos a Mexico City
Ich krachte mein Zeug in die Ecke, stieg unter die Dusche und fuehlte mich danach fast wieder wie ein Mensch. Es war ca. 22.00 Uhr, ich war einigermassen fertig von der Busfahrt und der anschliessenden Lauferei quer durch das Gewusel Mexiko Citys und ueberlegte ob ich morgen nicht einfach mit voller Energie frisch in den Tag starten sollte. Ich oeffnete das Fenster meines komfortablen Schlafsaals (10 Personen auf 20m*m (tut mir leid Leute, aber die Tastatur haelt hier einige Tuecken bereit bzw. macht manches gar ganz unmoeglich..) und blickte direkt auf die atemberaubende Kathedrale und die riesige mexikanische Flagge, die den Vorplatz ueberspannte. Als... ich spitzte meine Ohren.. waren das nicht Trommeln die meine Membran zum Schwingen brachten?



TROMMELN!!!!!!!!! Wenn Kaese Maeuse aus Loechern hervorlockt und eine Karotte vor der Nase eines mueden Pferdes hilft, dieses wieder auf Trab zu bringen, so genuegt ein einziger Trommelschlag, um mich vor dem Ofen hervorzulocken! Ich griff meinen kleinen Rucksack und sprintete runter auf die Strasse um herauszufinden wo die immer wilder werdenden Klaenger herkamen. Links, die Strasse herunter, rechts und die naechste Ecke wieder links- da waren sie: eine Gruppe Mexikaner, um die 30 Personen, zentriert um einen sich die Seele aus dem Leib trommelnden, langhaarigen Mitvierziger. Er trug wie viele von Ihnen ein rotes Band um die Stirn gewickelt und hatte seine Fussfesseln mit laermmachenden Rasseln geschmueckt. Alle stampften im gleichen Takt auf dem Boden rum, wirbelten im Kreis, puschten sich gegenseitig, wurden immer schneller. Ein grosser Schoenling in der Naehe des Trommlers schien dabei die Meute anzufuehren- er wartete mit den wildesten Bewegungen auf, seine Drehungen und Spruenge waren immer noch einen Zacker ueberschwaenglicher und energiegeladener. Er reagierte in Sekundenschnelle auf die Taktaenderungen der Musik und je nach Trommelschlag und Schnelligkeit passten er und die restlichen Taenzer ihre Fussfolgen an. "Was treibt diese Horde?" fragte ich einen der ebenso faszinierten Zuschauer. "Concheros! Concheros!" wisperte es. Was sich genau dahinter verbarg sollte ich erst aus spaeter folgenden Gespraechen mit (englisch sprechenden) Einheimischen erfahren: Diese Form des
Tanzes hatte sich nach den spanischen Eroberungsfeldzuegen entwickelte und war eine Art, um alte Traditionen zu bewahren und alte Rituale zu pflegen. Fuer jeden Tanz gab es einen spezifischen Grund, man dankte den Goettern fuer eine gute Ernte, bat um Regen, etc. Jede Bewegung symbolisierte dementsprechende Bitten, Danksagungen, Ehrerbietungen. Dabei geht es nicht um das Tanzen allein, sondern vielmehr um das Wissen um alte Traditionen und der Suche und der Staerkung ethnischer Identitaet. Concherosgruppen sind daher auch eher hierarchisch organisiert: den Platz den die einzelnen Mitglieder in der Gruppe einnehmen, haengt vom jeweiligen Kenntnisstand der einzelnen Personen ab. Der grosse Schoenling war also sozusagen der weiseste der Gruppe und gab daher vor, welche Bewegungen auf welche folgten.



Fasziniert schaute ich zu. Und liess mich anschliessend noch 2 Stunden lang von Concherosgruppen durch die Stadt treiben. Irgendwann landete ich wieder direkt vor der Kathedrale. Dort hatte sich eine Masse an Menschen angesammelt, eine Buehne war wie aus dem Nichts entstanden und breite Raggaeklaenge drangen aus fetten Lautsprecherboxen. Eine lokale Band verausgabte sich auf, die gut 250 Menschen vor der Buehne. Ich warf die Tasche beiseite und versuchte mit den ausschweifenden Hueftschwung der Maedels vor mir mitzuhalten (Anm. d. R.: keine Chance!). Eine von ihnen trug ein weisses, gehaekeltes Bikinioberteil und einen tiefliegenden Rock und bewegte sich so grazioes dass ICH schon Probleme hatte wegzuschauen und nicht zu sabbern. Ein paar Meter weiter starteten die Leute des soulfireprojects(.com) ihre Poi- und Feuershow. Die Band wollte sich verabschieden da Sperrstunde war, aber das Publikum liess nicht mit sich verhandeln - alle hatten sich so in Rage getanzt und schrien sich die Seele aus dem Leib, sodass selbst nach dem fuenften ONE MORE kein Ende in Sicht war. Der Saenger der Band hatte sich heiser gesungen, was dem Raggaesound noch zugute kam, doch schliesslich schwenkten sie um zu scheinbar gut bekannten mexikanischen Liedern. Die Menge tobte. Luis, einer meiner Kompagnions den ich auf der Strasse kennengelernt hatte, griff meine Hand und schleuderte mich ueber den Plaza. Vor, zurueck und tausend Drehungen zwischendrin, bis mir der Schweiss von der Stirn tropfte- im Nachhinein sagte man mir, dass ich jetzt Salsa tanzen gelernt haette. Ich tanzte und lachte, waehrend ich hoch in den sternenklaren Himmel schaute, der halb von der riesen mexikanischen Flagge in der Mitte des Plazas verdeckt war. Bienvenidos a Mexico City!

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Letzte Aktualisierung: 2010.09.03, 21:47
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Wow danke Johnny- schau...
Wow danke Johnny- schau da gleich die Tage mal rein....
by tinetunes (2010.08.17, 04:57)

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