Streunerpfade, Impressionen und Begegnungen irgendwo zwischen Nord- und Suedamerika
Freitag, 7. Mai 2010
Leben und Sterben in den Hot Springs 2
Das musste ein Witz sein! In meinem Zustand war ich weder in der Lage zurueck zum Auto zu kommen noch die Stunden bis zu Sonnenaufgang bibbernd in meinen nassen Klamotten zu verbringen. Schnell rannte ich zur zweiten heissen Quelle, die einige Meter entfernt lag und von einer Steinmauer umgeben war. ·!%* sei Dank! Die kleine Grotte war noch bis zum Rande gefuellt. Jetzt verliess mich entgueltig jegliche Energie, ich schluepfte noch schnell aus meinen Klamotten, liess mich in das heisse Wasser gleiten & merkte, wie sich jede Pore meines Koerpers verabschiedete. Circa eine halbe Stunde war ich noch damit beschaeftigt eine Position zu finden, die mich im schuetzenden Nass hielt, mich aber gleichermassen davor bewahrte einfach unterzugehen und zu ertrinken. Ich konnte nicht einmal mehr aufrecht sitzen. Die letzten Tage die nie mehr als 2 oder 3 Stunden Schlaf fuer mich bereit hielten sowie der Jetlag machte sich jetzt gnadenlos bemerkbar und in mir bereitete sich eine derartige Muedigkeit aus, dass ich nur noch in der Lage war, meinen halben Oberkoerper irgendwie auf dem kuehlen Stein zu halten, waehrend der Rest meines Koerpers einfach im Wasser hing.

Dann starb ich. Hehe, offenkundig nicht im biologischen Sinne, aber das was sich in dem Moment in jeder einzelnen Zelle meines Koerpers abspielte, war genau das, was ich mir unter Sterben vorstellte. Ich liess einfach los und gab mich meinem Schicksal hin, was sehr angenehm war (ganz abgesehen davon, dass es das einzig moegliche war, was ich in dieser Situation machen konnte).

Ich weiss nicht, wie lange ich so im Wasser trieb. Branden schien es jedenfalls aehnlich zu gehen, denn bei jedem Versuch aufzustehen packte ihn eine unbestimmte Kraft, knallte ihn gegen die uns umgebenden Steinmauern und warf ihn zurueck ins Wasser. Waere ich nicht so kraftlos gewesen, haette ich mich bestimmt totgelacht darueber. So nahm ich seine Stehaufmaennchenversuche jedoch nur in einer hinteren Ecke meines Gehirns war und war ansonsten eigentlich nur mit einer Taetigkeit beschaeftigt:
WARTEN AUF DEN SONNENAUFGANG.

Es schienen Stunden zu vergehen, als Branden urploetzlich mit seinem Finger gen Himmel wies. Die Bewegung kam so abrupt, dass sie mich komplett aus meiner Lethargie riss. Ich hob meinen Kopf um zu erspaehen, was seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte: ein wahnwitzig leuchtender Punkt sprang dort oben am Firmament hin und her - zu schnell fuer einen Stern, zu wirr fuer einen Satelliten. Wir verloren seine Spur als er hinter der Mauer verschwand, also rafften wir uns auf, schafften es irgendwie aus unserem nassen Zuhause der letzten Stunden heraus und standen wieder auf der offenen Empore, direkt ueber dem reissenden Fluss, den wir noch vor ein paar Stunden ueberquert hatten. Es war immer noch ziemlich dunkel, aber ein paar Voegel schienen den nahenden Morgen anzukuendigen. Wir folgten dem sich wild am Himel bewegenden gluehenden Klumpen bis er hinter den Bergen verschwand und uns mit Fragezeichen im Gesicht zurueckliess. Wir waren von den Toten auferstanden: mein Koerper schien auf wundersame Weise regeneriert und wir streunten aus, um unsere Umgebung zu entdecken, alles anzufassen und uns wieder ganz auf die Natur einzulassen. Dann fiel mein Blick auf den aeusseren Badezuber: er war wieder bis oben hin gefuellt und wir tauchten ein, um auf den Sonnenaufgang zu warten und das spektakulaerste Farbenspiel ueberhaupt zu erleben.

Ich hatte einen der schoensten Trips meines Lebens und war genau dort wo ich sein wollte: rausgeplumpst aus jeglichem Alltag, frei von jeglichem Denken und Planen. Ich hatte keine Ahnung welcher Tag war, wie spaet es war, was morgen, uebermorgen oder in den naechsten Tagen und Wochen kommen wuerde. Ich war einfach nur draussen in der Natur und keine Sekunde woanders als im Hier und Jetzt (wer dies konstant auf die Reihe kriegt, moege mich bitte einweihen in das Mysterium).

Als kurz nach Sonnenaufgang ein nacktes junges Paerchen mit seinen 2 Hunden aufkreuzte, muessen wir ein ziemlich eindeutiges Bild abgegeben haben: einander umarmend, mit einem verdaechtig breitem und mehr als zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht, das Kinn auf den Steinboden abgestuetzt, mit einem leicht verklaerten Blick gen Osten und leicht grotesken, sehr minimalen Bewegungen...

Die beiden liessen sich nichts anmerken, begruessten uns euphorisch und stiegen zu uns ins warme Nass. Als ich ihn noch einmal genauer betrachtete, wurde mir klar, dass ich ihn bereits gesehen hatte: er war die eine Haelfte eines zum Schiessen komischen Wandererduos gewesen, welches wir gestern auf unserem Rueckweg von den Hot Springs getroffen hatten. Er: klein und unfoermig mit einem Bauch, der nur erahnen liess was sich darunter befand (nicht dass ich es so genau wissen wollte), sein Ruecken nur durch einen Rucksack bedeckt und ansonsten komplett wie Gott ihn schuf, nur noch mit einem Wanderstock ausgestattet. Sein Kampagnion: gross und hager, in kompletter Wuestenmontur, natuerlich tarnfarben, mit langen Aermeln, langen Shorts und einem uebergrossen Cowboyhut. Ein wunderbares Bild, welches ich fuer ewig in meinem Gedaechtnis verwahren werde...

Er und seine augenscheinliche Freundin waren auf jeden Fall zwei ein wenig skurile, aber auf jeden Fall sehr sympathische Gestalten. Als wir sie fragten warum um alles in der Welt sie schon so frueh hier bei den Hot Springs waren, erzaehlten sie eine Story, die mich drei Kreuze machen liess, dass wir diese Nacht nicht versucht hatten, zurueck zum Camp zu finden. Man muss sich nochmal in Erinnerung rufen, dass dieser Platz ziemlich fernab von jeglicher Zivilisation ist. Wilde Camper schlagen hier ihr Lager auf, aber ansonsten gibt es hier eigentlich keine Bewohner dieses Region. Ausser Sam.

Ich hatte Sam nicht selbst getroffen, aber Branden hatte mir vorher schon erzaehlt, dass er sozusagen das Urgestein dieser Region war, der seit Jahren ueber die Hot Springs wachte. Irgendwo in den Bergen hatte er wohl auch ein kleines, zerfallenes Haus, welches er bewohnte. Ansonsten hielt er sich meistens rund um das umzaeunte Gebiet auf, welches wir auf unserem Weg zu den Hot Springs passierten. Die Beschreibungen die mir die anderen zu Sam lieferten liessen in mir nicht unbedingt den Wunsch erwecken, ihm jemals ueber den Weg zu laufen und das was sich da diese Nacht unten im Camp abgespielt hatte, verfestigte meinen Eindruck nur noch.

"We got awake at 4 in the morning because somebody was shouting like hell! Sam this bastard was standing in front of 3 kids and screamed the shit out of them!" erzaehlte unser aeusserst aufgebrachter Nuddistenhobbit. Die Story musste sich ungefaehr so zugetragen haben: 3 Jungs waren wohl schon gestern im Camp aufgekreuzt und irgendwie mussten sie versucht haben, auf das umzaeunte Gelaende zu kommen. Dabei beschaedigten sie das Schloss anscheinend so schwer, dass Sam, der fruehmorgens dort rauf wollte, um zu schauen das alles in Ordnung ist (und um anscheinend den Wasserfluss zu den Hot Springs zu regeln - fragt mich nicht, wie das funktionierte, aber irgendwie schien das miteinander in Verbindung zu stehen) das komplette Ding auseinandernehmen musste und ueber eine Stunde nicht rein kam. Ende vom Lied (please remember: we are in wonderful ARIZONA): SAM griff sich die Jungs UND seine Knarre und schrie geschlagene 45 Minuten den kompletten Platz zusammen. Die Jungs mussten auf die Knie gehen und bettelten wohl minutenlang um Gnade. Ich traute meinen Ohren nicht. "Warum hat keiner die Polizei gerufen?" fragte ich und bekam nur ein muedes Laecheln. "These are the Hot Springs. There will be no police coming down to impose law and order". Das schlimmste war, das sogar die Meinung herrschte, dass es Sams gutes Recht war, seine Knarre zu ziehen und fuer Recht und Ordnung zu sorgen. Wenn nicht er- wer sonst? Tja liebe Freunde, willkommen in den Staaten, willkommen in Arizona, dem Staat in dem es sogar ein Grundrecht ist, seine geladene Waffe mit in die Bar zu nehmen. Willst du als Restaurant-/oder Barbesitzer nicht, dass deine betrunkenen Gaeste irgendwann wild in der Gegend rumschiessen, dann bringe bitte ein Zeichen aussen an (aehnlich dem NO SMOKING-Zeichen), welches darauf verweist.

Branden und ich packten wenig spaeter unsere Sachen, machten uns auf denn schier endlos dauernden Rueckweg (also runter waren wir immer noch nicht) und brachen nach einer Muetze Schlaf in Richtung Grand Canyon auf. Zwei Tage spaeter hiess es: I am out of here!

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Letzte Aktualisierung: 2010.09.03, 21:47
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