Streunerpfade, Impressionen und Begegnungen irgendwo zwischen Nord- und Suedamerika
Mittwoch, 19. Mai 2010
Bienvienidos a Mexico City
Ich krachte mein Zeug in die Ecke, stieg unter die Dusche und fuehlte mich danach fast wieder wie ein Mensch. Es war ca. 22.00 Uhr, ich war einigermassen fertig von der Busfahrt und der anschliessenden Lauferei quer durch das Gewusel Mexiko Citys und ueberlegte ob ich morgen nicht einfach mit voller Energie frisch in den Tag starten sollte. Ich oeffnete das Fenster meines komfortablen Schlafsaals (10 Personen auf 20m*m (tut mir leid Leute, aber die Tastatur haelt hier einige Tuecken bereit bzw. macht manches gar ganz unmoeglich..) und blickte direkt auf die atemberaubende Kathedrale und die riesige mexikanische Flagge, die den Vorplatz ueberspannte. Als... ich spitzte meine Ohren.. waren das nicht Trommeln die meine Membran zum Schwingen brachten?



TROMMELN!!!!!!!!! Wenn Kaese Maeuse aus Loechern hervorlockt und eine Karotte vor der Nase eines mueden Pferdes hilft, dieses wieder auf Trab zu bringen, so genuegt ein einziger Trommelschlag, um mich vor dem Ofen hervorzulocken! Ich griff meinen kleinen Rucksack und sprintete runter auf die Strasse um herauszufinden wo die immer wilder werdenden Klaenger herkamen. Links, die Strasse herunter, rechts und die naechste Ecke wieder links- da waren sie: eine Gruppe Mexikaner, um die 30 Personen, zentriert um einen sich die Seele aus dem Leib trommelnden, langhaarigen Mitvierziger. Er trug wie viele von Ihnen ein rotes Band um die Stirn gewickelt und hatte seine Fussfesseln mit laermmachenden Rasseln geschmueckt. Alle stampften im gleichen Takt auf dem Boden rum, wirbelten im Kreis, puschten sich gegenseitig, wurden immer schneller. Ein grosser Schoenling in der Naehe des Trommlers schien dabei die Meute anzufuehren- er wartete mit den wildesten Bewegungen auf, seine Drehungen und Spruenge waren immer noch einen Zacker ueberschwaenglicher und energiegeladener. Er reagierte in Sekundenschnelle auf die Taktaenderungen der Musik und je nach Trommelschlag und Schnelligkeit passten er und die restlichen Taenzer ihre Fussfolgen an. "Was treibt diese Horde?" fragte ich einen der ebenso faszinierten Zuschauer. "Concheros! Concheros!" wisperte es. Was sich genau dahinter verbarg sollte ich erst aus spaeter folgenden Gespraechen mit (englisch sprechenden) Einheimischen erfahren: Diese Form des
Tanzes hatte sich nach den spanischen Eroberungsfeldzuegen entwickelte und war eine Art, um alte Traditionen zu bewahren und alte Rituale zu pflegen. Fuer jeden Tanz gab es einen spezifischen Grund, man dankte den Goettern fuer eine gute Ernte, bat um Regen, etc. Jede Bewegung symbolisierte dementsprechende Bitten, Danksagungen, Ehrerbietungen. Dabei geht es nicht um das Tanzen allein, sondern vielmehr um das Wissen um alte Traditionen und der Suche und der Staerkung ethnischer Identitaet. Concherosgruppen sind daher auch eher hierarchisch organisiert: den Platz den die einzelnen Mitglieder in der Gruppe einnehmen, haengt vom jeweiligen Kenntnisstand der einzelnen Personen ab. Der grosse Schoenling war also sozusagen der weiseste der Gruppe und gab daher vor, welche Bewegungen auf welche folgten.



Fasziniert schaute ich zu. Und liess mich anschliessend noch 2 Stunden lang von Concherosgruppen durch die Stadt treiben. Irgendwann landete ich wieder direkt vor der Kathedrale. Dort hatte sich eine Masse an Menschen angesammelt, eine Buehne war wie aus dem Nichts entstanden und breite Raggaeklaenge drangen aus fetten Lautsprecherboxen. Eine lokale Band verausgabte sich auf, die gut 250 Menschen vor der Buehne. Ich warf die Tasche beiseite und versuchte mit den ausschweifenden Hueftschwung der Maedels vor mir mitzuhalten (Anm. d. R.: keine Chance!). Eine von ihnen trug ein weisses, gehaekeltes Bikinioberteil und einen tiefliegenden Rock und bewegte sich so grazioes dass ICH schon Probleme hatte wegzuschauen und nicht zu sabbern. Ein paar Meter weiter starteten die Leute des soulfireprojects(.com) ihre Poi- und Feuershow. Die Band wollte sich verabschieden da Sperrstunde war, aber das Publikum liess nicht mit sich verhandeln - alle hatten sich so in Rage getanzt und schrien sich die Seele aus dem Leib, sodass selbst nach dem fuenften ONE MORE kein Ende in Sicht war. Der Saenger der Band hatte sich heiser gesungen, was dem Raggaesound noch zugute kam, doch schliesslich schwenkten sie um zu scheinbar gut bekannten mexikanischen Liedern. Die Menge tobte. Luis, einer meiner Kompagnions den ich auf der Strasse kennengelernt hatte, griff meine Hand und schleuderte mich ueber den Plaza. Vor, zurueck und tausend Drehungen zwischendrin, bis mir der Schweiss von der Stirn tropfte- im Nachhinein sagte man mir, dass ich jetzt Salsa tanzen gelernt haette. Ich tanzte und lachte, waehrend ich hoch in den sternenklaren Himmel schaute, der halb von der riesen mexikanischen Flagge in der Mitte des Plazas verdeckt war. Bienvenidos a Mexico City!

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Letzte Aktualisierung: 2010.09.03, 21:47
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Wow danke Johnny- schau...
Wow danke Johnny- schau da gleich die Tage mal rein....
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